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DDR-flüchtig
... das unüberhörbare Rätterängtängtäng des Dreizylinders, der uns in die Freiheit bringen sollte. (Ausschnitt)
Drei Wochen brauchten sie für die Dokumente (Visa für Ungarn, die zu dem Zeitpunkt kaum noch einer bekam)
..., dann lagen sie ganz einfach im Briefkasten neben der Haustür. Während ich mit diesen begehrten Papieren in der Hand die Stufen zu unserer Wohnung hochstieg, ging mein Kreislauf sachte in den Keller. Dann lief ich durch die Wohnung wie ein Zombie. Zum einen hatte ich panische Angst, in den mir verbleibenden fünf Tagen nicht mehr genug regeln zu können, im Gegensatz dazu wartete ich sehnsüchtig auf meinen Mann, doch der Zeiger der Uhr wollte und wollte nicht weiterrücken.
Dann – endlich – das unüberhörbare Rätterängtängtäng des Dreizylinders, der uns in die Freiheit bringen sollte. Noch bevor ich Jens umarmen konnten, war von ihm ein völlig verzweifeltes „Scheiße“ zu hören. Sein Gesicht dazu gab dem Kraftausdruck noch mehr Bedeutung. Sein Urlaub wurde gestrichen. Oh nein!!! Der Grund war noch viel makabrer. Sein Kollege war in den Westen abgehauen. Jens musste nun dessen Station zusätzlich vertreten.
Olympioniken, die sich ewig vorbereiten und dann aus politischen Gründen nicht starten dürfen, habe ich schon immer bewundert – an diesem Abend noch mehr.
Ein Traum zerbrach. Wenn man sich erst einmal so weit darauf eingestellt hatte, war es schwer, einfach wieder in den normalen Trott zu verfallen. Jens musste sich eh schon zusammenreißen, um seinen Dienst verantwortungsvoll hinter sich zu bringen, wo so viele widersprüchliche Gedanken seine Gehirnverbindungen blockierten. Nun auch noch doppelter Stress.
Am nächsten Tag kam etwas Entwarnung. Er konnte sich die Arbeit mit einem Kollegen teilen. Jens würde bis zum 18. Oktober voll durcharbeiten, um dann mit einem Schulkind noch etwas die Ferien nutzen zu können. Der zweite Kollege sollte alles Weitere an Diensten übernehmen. Danach müsste eine neue Regelung getroffen werden. Wie wahr!!!
Zu all den Überstunden, die Jens nun leistete, und der Angst um die eigene Familie meldete sich jetzt auch noch ein schlechtes Gewissen gegenüber den ihm anvertrauten Patienten, die bereits von einem anderen Arzt im Stich gelassen worden waren.
Ausschnitte aus DDR-flüchtig, erschienen im Verlag "edition fischer", 176 Seiten, ISBN 978-3-89950-475-0 9,80€
Abdruck (auch auszugsweise) nur nach Genehmigung
1/7/2009 - 22:39 Uhr — manuela-maria s...
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